Oder: Was haben Orchester und Unternehmen gemein?

Am 16.1.2014 war es soweit: Ich durfte bei @orchestrasfan, alias Ulrike Schmid, (www.orchestrasfan.de) auf der #Konzertcouch Platz nehmen. Geladen war ich zu einem Konzert des hr-Sinfonieorchesters in den Großen Saal der Frankfurter Alten Oper. Gegeben wurde das Cellokonzert von Antonín Dvořák mit Johannes Moser als Solist und die 1. Serenade von Johannes Brahms. Dirigent war der Amerikaner David Zinman.

Als Ulrike vor über einem Jahr auf ihrer Seite Bloggern diese Möglichkeit in Aussicht stellte, habe ich mich sofort um einen Platz beworben, obwohl es unseren Blog noch gar nicht gab. Einerseits fand und finde ich diese Idee persönlich grandios. Andererseits hat mich das Format auch unter professionellen Gesichtspunkten neugierig gemacht: Wird sich die Idee durchsetzen? Kann dadurch eine relevante Reichweite erzielt werden? Wie lange wird es dauern? An die vermutlich größte Herausforderung habe ich aber zum damaligen Zeitpunkt nicht gedacht, nämlich wie sich mein Konzerterlebnis in unseren thematischen Rahmen einfügen lässt.

Meine erste Idee für einen Blog-Beitrag nach der Konzert-Couch war, über die Frage der Relevanz von Social Media für Konzerthäuser zu schreiben. Auch obige Fragen wären ein Thema wert. Aber da unser Schwerpunkt die interne Kommunikation bzw. das Projektmarketing ist, – und dort spielt Social Media nicht die allererste Geige (um schon mal ins Bild zu kommen) – habe ich diese Themen (vorerst) ad acta gelegt.

Jenseits der Medienfrage ist es auch in der internen Kommunikation vor allem wichtig, dass Themen verständlich aufbereitet werden. Bilder spielen da eine große Rolle. Und da fällt auf, dass bestimmte Bilder, die die Zusammenarbeit der Menschen in Unternehmen visualisieren, häufiger vorkommen, als andere: lachende Menschen in Gruppen, Hände, Ruderer, Segelboote und – wer hätte es gedacht – Orchester. Ein Orchester wird vielfach als Sinnbild des guten Teamworks gesehen. Das klingt naheliegend. Aber warum eigentlich? Dies ist die Kernfrage meines Beitrags.

Da ich vor diesem Konzert vor einer gefühlten Ewigkeit das letzte Mal in einem klassischen Konzert war, hat mich der Abend doch mehr als beeindruckt. Vieles hatte ich vergessen, vieles einfach bislang nicht beachtet und – wie ich jetzt weiß (wie das halt so ist, wenn man für ein Thema sensibilisiert ist) – über vieles noch nie nachgedacht. Daher möchte ich Ihnen meine persönlichen Eindrücke nicht vorenthalten. Vielleicht ergeben sich daraus ja ein paar neue Fragen für „ Das etwas andere Interview – @Orchestrasfan fragt @Orchestrasvoice“ (siehe hier).

Ist ein Orchester wirklich mit einem Unternehmen vergleichbar?

Wenn es um die Visualisierung der perfekten Zusammenarbeit geht, verwenden Firmen für die interne Kommunikation häufig Bilder von Orchestern. Warum ist das so? Einige Aspekte.

Das Team

Das Idealbild des Teams ist: Jeder einzelne ist wichtig. Auch die erste Geige spielt nur eine Geige. Ein Werk ist nicht vollständig, wenn die Triangel nicht im richtigen Moment einsetzt. Hierfür ist das Bild des Orchesters sicher hervorragend geeignet.

Teamfähigkeit

Damit eine Komposition bestmöglich erklingt, muss jedes Instrument in der ihm zugedachten Weise gespielt werden. Wer aus der Reihe tanzt, bringt das ganze Stück zum Kippen und outet sich zugleich als Fehlerverursacher. Nur bei einem Orchester kann man das so eindrücklich sehen. Das Bild suggeriert, dass es in einem Unternehmen ähnliche Mechanismen gibt. Die Wirklichkeit ist aber viel komplexer und möglicherweise ganz anders. Ein Orchester arbeitet in der Regel im Verborgenen auf den besonderen Moment der Aufführung hin. Die ganze Arbeit ist für die Katz‘, sollte dieser Auftritt nicht gelingen. Ja, auch in Unternehmen gibt es solche Momente: Die alles entscheidende Präsentation vor dem Kunden im Rahmen einer Ausschreibung vielleicht. Eine Eventagentur arbeitet auch auf diesen einen Tag, dieses eine besondere Ereignis hin. Aber die überwiegende Mehrheit der Unternehmen beschäftigt sich mit Routinen. Produkte werden produziert, Waren verkauft, Dienstleistungen erbracht. Nichts von alledem ist eine Vorbereitung zugespitzt auf diesen einen, alles entscheidenden Moment. Für ein Orchester ist jedoch genau dieser Moment das Konstitutivum  Welchen Sinn hätte ein Orchester, wenn es nur üben, aber niemals aufführen würde? Das was für ein Orchester die Regel darstellt, ist für das Unternehmen die Ausnahme.

Recruitment

Jeder Orchestermusiker beherrscht sein Instrument besonders gut, ist also ein besonders gutes Beispiel für eine Fachkraft, für einen Experten. Idealtypisch ist also der Mitarbeiter ein Fachexperte, der zusammen mit anderen Experten ein Team bildet, das ein Werk inszeniert (siehe weiter unten).Gleichzeitig sagt das Bild aber auch, dass die Verantwortung für das weitere Vorankommen oder auch nur der Verbleib im Team (im Orchester) im Individuum liegt und durch das ständige Bemühen um bessere Leistung, durch beständiges Üben zu erreichen ist. Für die Personalauswahl heißt das: Es werden nur geübte Fachkräfte eingestellt, die, sobald die Leistung nicht mehr den Anforderungen entspricht, durch bessere ersetzt werden. Um Ausbildung, Förderung und Einsatz gemäß den Möglichkeiten und Fähigkeiten des Mitarbeiters können sich andere kümmern. Sicherlich hat auch ein gutes Orchester das Problem, die jeweils besten Fachkräfte zu finden, aber das sieht man erst auf den zweiten Blick.

Der Dirigent = Die Führungskraft?

Gerne nehmen Manager diese Position für sich in Anspruch. Mit dem gleichen Überblick und Sachverstand wie gute Dirigenten bringen sie das gesamte Unternehmen zum Gleichklang. Das Bild hat schon was: Der Dirigent, der selbst kein Instrument spielt und dessen Einflussmöglichkeit während des Konzerts eher begrenzt ist, ist dennoch die zentrale Figur der Aufführung. Das nehmen Führungskräfte gerne für sich in Anspruch und vergessen dabei häufig etwas ganz Entscheidendes: Das Werk selbst. Für viele Einheiten in größeren Organisationen ist die Selbsterhaltung oberstes Gebot. Dementsprechend handeln sie. Übertragen auf der Orchester hieße das: Der Komponist hat zwar dieses oder jenes Instrument nicht vorgesehen, gespielt wird es aber trotzdem. Dazu kommt, dass in einem Unternehmen die Rolle des Dirigenten vielfach gar nicht so klar definiert, aber auch nicht definierbar ist.

Das Werk = Der Kundennutzen?

Geschaffen vom Komponisten und dargebracht vom Orchester. Die Aufführung ist die Interpretation dessen, was der Komponist intendiert hat und  es ist möglicherweise die virtuose Weiterentwicklung und Adaption dessen. Werke entstehen so mit jeder Aufführung neu. Bei einem Autobauer ist das das immer wieder neue Fahrzeug, das an die Zeit angepasst wird und mit der ursprünglichen Erfindung nur noch die Grundfunktion gemein hat. Auch in Orchestern dürfte es an dieser Stelle immer wieder Diskussionen geben: In welcher Weise muss diese oder jene Stelle oder das Werk als Ganzes gespielt werden? Dass sich auch individuell hervorragende Musiker auf dieses Spiel einlassen, setzt gute Führung voraus und das Vertrauen, dass der Dirigent weiß, was er tut. Im Unternehmen ist das Werk (oder besser: das Produkt oder die wesentliche Dienstleistung) der entscheidende Motivator. Menschen können sich ganz ihrer Aufgabe hingeben und es in ihrem Fachbereich zu höchster Virtuosität bringen – sofern es um die Sache geht. Würden sich die Musiker dauernd untereinander um die Vorherrschaft ihrer Gruppe streiten und mit allen Mitteln durchsetzen wollen, am lautesten spielen zu wollen, wäre das Gesamtergebnis gefährdet. Genauso gefährdet der Anspruch auf Anerkennung einzelner oder einzelner Gruppen das Ergebnis des Unternehmens.

Der Komponist = Der Unternehmensgründer?

Der Komponist hat – sofern bereits verstorben –, ähnlich wie der Unternehmensgründer vermutlich nur noch anekdotischen Wert. Für den Musikgenuss ist er völlig uninteressant. Er steht mit seinem Namen zwar für eine gewisse Qualität, aber das Spielen haben längst andere übernommen.

Fazit

Das Bild eines Orchesters ist ein starkes Bild und man kann an ihm viel für die Unternehmenswirklichkeit zeigen. Es regt das Denken an. Was es mit der jeweiligen Realität zu tun hat, muss sicherlich von Fall zu Fall entschieden werden. Man darf das Bild jedenfalls nicht überstrapazieren.

 

Cover AbsatzwirtschaftNachtrag vom 12.2.2014

Wenn man vom Teufel spricht… Heute kommt eine E-Mail ins Haus, in der für die neuest Ausgabe der „Absatzwirtschaft“ geworben wird.

 

 

 

 

Zugabe

Der Wind kam von vorne

Konzertcouch 2014-01 Entrittskarte

Meine ganz persönlichen Eindrücke vom Konzert

  • Es kam, wie es kommen musste: Ich bin ja selbst nicht gerade der Kleinste, und dennoch hatte ich nach der ersten Hälfte des Konzert einen schiefen Hals. Direkt vor mir saß ein Berg von Mann.
  • Überhaupt ist die Reihe 11 im Parkett gar nicht mal so toll. Die Hälfte des Orchesters kann man von da unten, auch ohne Sichtbehinderung, gar nicht sehen.
  • Leider hatte besagter Mann intensive Körperausdünstungen und der Windzug kam von vorn. Ein Unglück kommt selten allein.
  • Das Konzert dauerte zweimal 45 Minuten plus Nachspielzeit. Das kenne ich auch von anderen Veranstaltungen.
  • Der Dirigent hatte die Ruhe weg: Entspannt lehnte er am Geländer seines Pults und dirigierte fast nur mit einem Arm und völlig ohne Notenblätter. Das sah nach ziemlich viel Routine aus.
  • Johannes Moser hat seine Parts auch auswendig gespielt. Noch nicht mal ein Spickzettel war zu sehen. Und der ist erst 34. Ich habe lange überlegt, ob ich etwas Vergleichbares aus meiner Berufspraxis kenne. Mir ist nichts eingefallen.
  • Mit geschlossenen Augen habe ich mich wie von der Musik eingehüllt gefühlt. Ähnlich wie mit einem (guten) Kopfhörer, nur ohne dieses lästige Drücken am Kopf. Ein tolles Gefühl. Wäre nur nicht der Luftzug von vorne gewesen…
  • Die männlichen Musiker trugen Frack und weiße Hemden mit weißer Fliege. Die weiblichen irgendetwas Schwarzes, manche lange Kleider, manche Hosen. Der Dirigent hatte seinen Frack vergessen und der Solo-Cellist sein weißes Hemd und die Fliege, stattdessen: schwarzes Hemd, offener Kragen. Corporate Design sieht anders aus.
  • Zwischen den Sätzen: Wozu Applaus? Das Orchester blättert um, die Zuschauer wechseln die Sitzposition und alle husten sich mal ordentlich aus. Das macht auch Stimmung.
  • Dabei fällt mir auf: Einen hundertprozentigen störungsfreien Musikgenuss gibt es wohl nicht. Früher auf Schallplatten war es das Knacken, bei digitalen Aufnahmen rauscht auch immer was und im Konzertsaal wird halt gehustet.
  • Der Mann an der Triangel hat es auch nicht leicht. Immer nur Rumsitzen und Warten und dann bloß nicht den Einsatz verpassen.
  • Viel und langer Applaus vor der Pause und am Ende des Konzerts. Der Dirigent schüttelt allen wichtigen Musikern die Hände. Einzelne Musiker stehen auf. Hinsetzen. Alle stehen auf. Hinsetzen. Die Musiker klopfen mit den Bögen auf ihre Instrumente. Der Dirigent und der Solist gehen von der Bühne und kommen wieder, gehen, kommen wieder, bekommen Blumen, gehen, kommen wieder. Man könnte sich ja einfach verbeugen und für den Applaus bedanken. Überall, wo viele Menschen zusammen kommen, gibt es Rituale.
  • Blumen für den Dirigenten und den Solisten? Als Mann frage ich mich: Was die damit wohl machen? Haben die an beiden Abenden jeweils neue Sträuße bekommen? Oder am zweiten Abend denselben wie am ersten? Vielleicht bekommt den aber auch irgendeine Frau hinter der Bühne…
  • Nachdem der Applaus verstummt ist, drängen alle ganz schnell zum Ausgang. Da übt sich der ansonsten kultivierte ältere Herr schon mal im Garderobennahkampf.
  • Die Musik war unglaublich schön und ich freue mich schon aufs nächste Konzert.